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Genuss der Langsamkeit

vor 2 Tagen
2 Min. Lesezeit


Eine Reise in die Vergangenheit und zurück


Nach dem Abschluss der Schreibwerkstatt schlendere ich, den warmen Regen genießend,

durch Innsbruck. Ich nehme Kurs auf das Hotel, um dort meinen Koffer zu holen. Auf dem Weg

dorthin erhalte die Nachricht, dass mein Zug ausfällt. Ich hole direkt Erkundigungen am Bahnhof

ein, wo mit mitgeteilt wird, mit einer erheblichen Verzögerung bis hin zum Ausfall des RJ“

rechnen zu müssen.


Ich passe mich den gegebenen Umständen an und fasse den Entschluss, auf Sicht zu „fahren.“

Zunächst entschleunige ich und beginne in der Entdeckung der wohltuenden Langsamkeit den

leiblichen Genuss anzustreben. Ich spaziere in die Stadt, um köstlich zu essen. Anschließend,

im Hotel nach meinem Koffer fragend, antwortet der Angestellte in charmanter, jugendlicher

Freundlichkeit: „Wir kennen uns, Frau Breu!“ und lächelt dabei schmeichelnd. Wie genussvoll

sich die Langsamkeit anfühlt!


Zur Reduzierung der Geschwindigkeit gesellt sich die Entscheidung, in die Lokalbahn nach

Kufstein einzusteigen. Während der eben begonnenen Fahrt trübt der Blick durch die

regennassen Fenster den wärmegefüllten Tageseindruck. Doch das satte, regenschwangere

Grün der saftigen Wiesen, schmeichelt meinen Augen und ich bade im Meer von gut genährter

Natur. Unweit tanzen in zögerlichen Bewegungen Regenschleier in sanften weiß-schattierten

Facetten. Zart und unaufdringlich. Die bewaldeten Füße der Berge lassen das Werben der

feenweißen Düfte einladend zu. Ruhe und Zurückgezogenheit weitet den Genuss des

dunkelsatten Grüns der Wächter des Vorgebirgswaldes. Inzwischen neigt sich das Weiß in

zartes Elfenbein und taucht alsbald in helle Grautöne ein. Beengt und gleichzeitig sich

gegenseitig schützend, stehen die Bäume mächtig.


Das Wahrnehmen der gedämpft gestimmten Umgebung geht über in das ernüchternde

Erkennen der Regen genässten Gebäude der nahenden Ortschaft. Dazu gesellt sich die deutlich

zu vernehmende weibliche Stimme aus dem Lautsprecher: „Unser nächster Halt: Oberaudorf.“

Die Ansicht des Bahnhofgebäudes lässt mich alsbald in eine emotionale Zeitreise eintauchen.

Über den Wolken begeben sich meine Gedanken auf Jugendreise. Oberaudorf, die beiden

Urlaube mit meinen Großeltern. Die aufregenden Tage im Haus der Mutter einer meiner

Freundinnen, verbunden mit heimlichen Treffen von Jungs am Luegsteinsee. Jugenderinnerungen

weben mich ein. In diesem mich von der Außenwelt schützenden Kokon, bemerke ich die mich

erschleichende Gleichzeitigkeit des Seins nicht. Unmerklich werde ich durch das Erscheinen des

offensichtlich seit Jahrzehnten unveränderten Bahnhofgebäudes in Trance versetzt. Als 14-

Jährige stehe ich an der Südseite des Bahnhofgebäudes. Ich trage eine rote Schlaghose mit

dazugehörendem rot-weiß-gestreiftem Minikleid. Es ist mein tolltes Outfit, das ich habe, so, wie

es die Mädchen in der „Bravo“ tragen. Mein Herz ist schwer und gleichzeitig aufgeregt. Es klopftstark. Ich fühle Unsicherheit und gleichzeitig verlasse ich mich auf die stille Explosion meiner

Gefühle. Ich lasse es geschehen. Von mir verabschiedet sich gerade der junge Mann, den ich vor

wenigen Tagen am See kennenlernte. Ein Junge, der in mir Gefühle entfacht, die mit bislang fremd

gewesen sind. Ein Junge, der jetzt zurück nach Frankfurt reist entflammt in mir verliebte Gefühle,

die ich für immer halten möchte. Gleichzeitig fühle ich den reißenden Schmerz des

Abschiednehmens und des Loslassens. Ich halte das Fühlen nicht fest, ich kann es aber auch

nicht loslassen. Alles wird von nun an anders bleiben.

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