Genuss der Langsamkeit
Eine Reise in die Vergangenheit und zurück
Nach dem Abschluss der Schreibwerkstatt schlendere ich, den warmen Regen genießend,
durch Innsbruck. Ich nehme Kurs auf das Hotel, um dort meinen Koffer zu holen. Auf dem Weg
dorthin erhalte die Nachricht, dass mein Zug ausfällt. Ich hole direkt Erkundigungen am Bahnhof
ein, wo mit mitgeteilt wird, mit einer erheblichen Verzögerung bis hin zum Ausfall des RJ“
rechnen zu müssen.
Ich passe mich den gegebenen Umständen an und fasse den Entschluss, auf Sicht zu „fahren.“
Zunächst entschleunige ich und beginne in der Entdeckung der wohltuenden Langsamkeit den
leiblichen Genuss anzustreben. Ich spaziere in die Stadt, um köstlich zu essen. Anschließend,
im Hotel nach meinem Koffer fragend, antwortet der Angestellte in charmanter, jugendlicher
Freundlichkeit: „Wir kennen uns, Frau Breu!“ und lächelt dabei schmeichelnd. Wie genussvoll
sich die Langsamkeit anfühlt!
Zur Reduzierung der Geschwindigkeit gesellt sich die Entscheidung, in die Lokalbahn nach
Kufstein einzusteigen. Während der eben begonnenen Fahrt trübt der Blick durch die
regennassen Fenster den wärmegefüllten Tageseindruck. Doch das satte, regenschwangere
Grün der saftigen Wiesen, schmeichelt meinen Augen und ich bade im Meer von gut genährter
Natur. Unweit tanzen in zögerlichen Bewegungen Regenschleier in sanften weiß-schattierten
Facetten. Zart und unaufdringlich. Die bewaldeten Füße der Berge lassen das Werben der
feenweißen Düfte einladend zu. Ruhe und Zurückgezogenheit weitet den Genuss des
dunkelsatten Grüns der Wächter des Vorgebirgswaldes. Inzwischen neigt sich das Weiß in
zartes Elfenbein und taucht alsbald in helle Grautöne ein. Beengt und gleichzeitig sich
gegenseitig schützend, stehen die Bäume mächtig.
Das Wahrnehmen der gedämpft gestimmten Umgebung geht über in das ernüchternde
Erkennen der Regen genässten Gebäude der nahenden Ortschaft. Dazu gesellt sich die deutlich
zu vernehmende weibliche Stimme aus dem Lautsprecher: „Unser nächster Halt: Oberaudorf.“
Die Ansicht des Bahnhofgebäudes lässt mich alsbald in eine emotionale Zeitreise eintauchen.
Über den Wolken begeben sich meine Gedanken auf Jugendreise. Oberaudorf, die beiden
Urlaube mit meinen Großeltern. Die aufregenden Tage im Haus der Mutter einer meiner
Freundinnen, verbunden mit heimlichen Treffen von Jungs am Luegsteinsee. Jugenderinnerungen
weben mich ein. In diesem mich von der Außenwelt schützenden Kokon, bemerke ich die mich
erschleichende Gleichzeitigkeit des Seins nicht. Unmerklich werde ich durch das Erscheinen des
offensichtlich seit Jahrzehnten unveränderten Bahnhofgebäudes in Trance versetzt. Als 14-
Jährige stehe ich an der Südseite des Bahnhofgebäudes. Ich trage eine rote Schlaghose mit
dazugehörendem rot-weiß-gestreiftem Minikleid. Es ist mein tolltes Outfit, das ich habe, so, wie
es die Mädchen in der „Bravo“ tragen. Mein Herz ist schwer und gleichzeitig aufgeregt. Es klopftstark. Ich fühle Unsicherheit und gleichzeitig verlasse ich mich auf die stille Explosion meiner
Gefühle. Ich lasse es geschehen. Von mir verabschiedet sich gerade der junge Mann, den ich vor
wenigen Tagen am See kennenlernte. Ein Junge, der in mir Gefühle entfacht, die mit bislang fremd
gewesen sind. Ein Junge, der jetzt zurück nach Frankfurt reist entflammt in mir verliebte Gefühle,
die ich für immer halten möchte. Gleichzeitig fühle ich den reißenden Schmerz des
Abschiednehmens und des Loslassens. Ich halte das Fühlen nicht fest, ich kann es aber auch
nicht loslassen. Alles wird von nun an anders bleiben.




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