Die Mytrias
- vor 19 Stunden
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Die Vorgabe
Denk dir eine Hauptfigur aus. Gib ihr eine Eigenschaft. Schreibe auf, wo sie wohnt.
Dann lass eine Geschichte entstehen.
Die Geschichte
Die Mytrias lebt zurückgezogen in den Weiten des Urals, meist hoch oben, wo kaum ein Mensch oder Tier sich hin verirrt, denn hier herrschen Temperaturen zwischen minus 20 und minus 65 Grad Celsius. Sie sieht einem Menschen sehr ähnlich, hat jedoch eisblaue Haut, weiße Augen und schneeweißes, meterlanges Haar, das sie wie ein Kleid um ihren Körper trägt. Ihr Heim besteht aus Eis und Schnee. Kaum wahrnehmbar bettet es sich hügelartig in die eisige Schneelandschaft hoch oben im Ural.
Hier verhält sie sich meist ruhig. Sie sitzt und starrt beharrlich nach vorn. „Was soll ich noch hier?“, dachte sich die Mytrias, die nun seit nunmehr 1.237 Jahren, 14 Monaten, 33½ Tagen, 0,8 Stunden und exakt 12 Sekunden genau hier saß. Sie hatte sich in all dieser Zeit nicht einmal bewegt, denn für die Mytrias spielt Zeit keine Rolle. Seit Anbeginn ist sie hier, und seit der Ural besteht, hat sie sich dieses Fleckchen Erde als ihre Heimat gewählt.
Leer. Karg. Ruhig. Nur sehr, sehr selten kann sie von ihrem Zuhause, einem Eishügel, anderes Leben wahrnehmen. Da saß sie nun still, schweigend. Ihre Gedanken bahnten sich neue Wege durch ihr Bewusstsein. Sie musste mindestens die letzten 500 Jahre damit verbracht haben, darüber zu sinnieren, was wohl auf der anderen Seite der Bergkette ist.
„Ich muss los!“ Und so beschloss die Mytrias, nach über 1.237 Jahren aufzustehen und sich auf den Weg zu machen, Neues zu entdecken. Ihr Interesse am Unbekannten war zu groß geworden.
Nach einigen Wochen durch den Schnee gewandert, ohne eine Regung von außen wahrzunehmen, stolperte sie plötzlich. Ja, sie blieb an etwas hängen mit ihren eisblauen Zehen. „Autsch!“, rief sie aus, sah nach unten und bemerkte ein Wort, das an ihr vorüberpurzelte.
„Wer bist du?“, fragte die Mytrias ganz unbefangen. „Ich? Ja, ich bin Birkrug, ein weißgoldenes Wort.“ „Bist du ein König?“, fragte die Mytrias. „Deine Schaumkrone ist wunderschön, die Luftperlen auf deinem Haupt – so funkelnd.“
„Nein, nein“, sagte Birkrug. „Ich bin einfach ich. Und ich suche hier oben im Ural nach einer größeren Schaumkrone, die noch mehr funkelt – einfach, weil ich es so schön finde.“
„Schweig still“, erklang es plötzlich, und ein weiteres Wort tauchte auf. „Ich bin wortlos. Ich bevorzuge die Stille und den Rückzug. Birkrug sprudelt immer über vor lauter Wörtern. Er sollte das hier oben lassen.“
Im Land der Wörter gibt es nichts, was es nicht gibt. Große, kleine, lange, kurze, bekannte und unbekannte Wörter leben hier nebeneinander und miteinander. Sie haben große Freude am gemeinschaftlichen Wirken und treffen sich immer wieder, um sich neu zusammen aufzustellen und miteinander zu wirken.
The Gäng
Dieser Text ist im Rahmen von "The Gäng" entstanden. Wir schreiben alle zwei Wochen in Augsburg. Wir haben noch Platz an unserem Tisch und hier gibt´ s mehr Infos dazu.




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